Jay Siegmann

MYSTORY mit …

Jay
53 Jahre, Einbeck

„Meine Reise begann mit einem Ende und
einem Anfang, und dieses Ende machte am
Ende meinen wahrhaftigen Neuanfang als
nicht-binäre Person möglich. …“

Veröffentlicht: November 2022

Am 6. März 2020 begann die bisher ungewöhnlichste Reise meines Lebens. Sie begann mit einem Ende und einem Anfang, und dieses Ende machte am Ende meinen wahrhaftigen Neuanfang als nicht-binäre Person möglich. An diesem Tag endete mit dem Tod meiner Beziehungsperson die Liebe meines Lebens. Ich war unendlich dankbar für die 23 Jahre, die ich aller Unkenrufe zum Trotz, mit ihr verbringen durfte.

Eine Liebe, die selbst uns Liebenden am Anfang so ungewöhnlich erschien, dass wir uns damals gefragt haben: „Kann unsere Beziehung wirklich funktionieren und gutgehen?“ Wir haben beschlossen, das Risiko einzugehen. Meine große Liebe war und blieb bis zu ihrem Tod, mit ihrem Ehemann verheiratet und hatte drei Kinder, die zu Beginn unserer Beziehung, zwischen 6 und 13 Jahren alt waren. Sie war 12 Jahre älter als ich. Wir lebten 23 Jahre lang eine ungewöhnliche, öffentlich bekannte, Patchwork-Regenbogen-Familien-Beziehung. Sie fehlt mir bis heute.

Heute bin ich sogar dankbar für diese Leere, die ihr Fehlen in meinem Leben hinterlassen hat. Ich bin auch dankbar, dass mich der kurz nach ihrer Beerdigung gestartete Corona-Lockdown auf mich selbst zurückgeworfen hat. Durch das Fehlen von externen Ablenkungen vermochte ich diese Zeit zur inneren Sammlung und meine Neuorientierung nutzen. An vielen einsamen Abenden auf meinem Balkon, begann ich nach Antworten auf Lebensfragen zu suchen und neue Ziele zu definieren.

„Wo sollte mein Weg nun hinführen?“ „Wie will ich leben?“ „Was sind meine Ziele?“

Ich fand damals mehr Fragen als Antworten. Ich entdeckte in mir Verließe und verschlossene Türen, dunkle Höhlen und verschüttete Schächte. Was mir fehlte, war Licht. Je tiefer ich stieg, umso geringer wurde meine Hoffnung, allein Antworten zu finden, die Licht in das Dunkel bringen konnten. Ich gestand mir ein, dass ich nicht alle Fragen allein beantworten konnten, und holte mir eine professionelle externe Reisebegleitung in Form eines Coachings.

Es stellte sich schnell heraus, dass ich mir die richtigen Fragen zum falschen Zeitpunkt gestellt hatte. Ende 2020 war ich noch viel zu sehr in den gesellschaftlichen Normen und Konventionen der Heteronormativität um mich herum und in meinen eigenen inneren Glaubensätzen gefangen. Diese Gedanken und Konventionen blockierten meinen Weg zu den Antworten.

Ich wollte, nein ich musste etwas Neues ausprobieren, so wie damals im Urlaub in Kanada. Täglich hatte ich mich damals für das klassische englische Frühstück entschieden. Das kanadische Frühstück mit French Toast (Arme Ritter), knusprigem Speck und Ahornsirup erschien mir eine zu absurde Kombination zu sein. Speck und Ahornsirup?! Ein mit Ei getränktes Weißbrot, statt Ei auf dem Weißbrot und Speck extra dazu. Ich vermochte mir diese Kombination aus süß und salzig nicht als lecker vorzustellen. Eines Morgens sah dieses Essen am Nachbartisch so lecker aus, dass ich mich getraut habe, es auch zu bestellen und zu probieren. Es war eine Offenbarung und eine Symbiose von Gegensätzen, die mir, so kombiniert, ein völlig neues, unglaubliches Geschmackserlebnis verschafft haben. Für diese Erfahrung war es notwendig, alte Ideen und Konzepte (wie Geschmackserfahrungen) zu ignorieren.

Meine Erfahrungsprozess direkt vor meinem nicht-binären Coming Out verlief sehr ähnlich, jedoch sehr viel intimer. Auch in diesem Prozess ging es um die Vereinbarung von Gegensätzlichen und um Neuland. Die Sätze, die mir vor diesen Entscheidungen durch den Kopf gingen, waren auf der einen Seite „Traue ich mich wirklich? Was passiert, wenn es eine absurde Erfahrung ist?“ und auf der anderen Seite „Ich bin so gespannt! Ich kann es kaum erwarten.“ Ich, (damals noch Judith – Geschlecht: weiblich; Geschlechtsidentität: „Butch“; sexuelle Orientierung: lesbisch), habe mich mutig entschieden, etwas völlig Neues und Ungewohntes auszuprobieren und dabei alte Pfade zu verlassen. Mit einem neugierigen Anfängergeist habe ich mich auf eine neue Erfahrung eingelassen.

Beschenkt wurde ich mit Antworten auf Fragen, die mich mein gesamtes Erwachsenenleben begleitet haben. „Wer bin ich?“ „Wer oder was ist meine Identität?“ „Wieso fühle ich mich stets „zwischen den Stühlen“ sitzend/stehend?“ Diese Fragen haben mich viele Lebensjahre begleitet.
Ich habe in diesem Erfahrungsmoment meine vorgefertigten Gedanken über Geschlecht und Geschlechtsidentitäten losgelassen und mich von Konvention und Schicklichkeit befreit.

Ich habe Judith losgelassen, oder anders ausgedrückt, Judith hat sich verabschiedet und im gleichen Moment bin ich zu Jay transformiert.

Als Jay (Geschlecht: divers; Geschlechtsidentität: nicht-binär; sexuelle Orientierung: Frauen liebend) fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben ganz und vollständig. Mir war klar, dass ich nun einen neuen Namen und ein neues Geschlecht hatte. Nach 50 Jahren endete die Suche nach meiner wahren Identität in einem wahrhaftigen Neuanfang; eine neue Geburtsurkunde machte dies sehr bald sogar amtlich.

Es stand für mich außer Frage, diese innere Transformation auch nach außen hin sichtbar zu machen. Manchmal mahlen auch bürokratische Mühlen schnell. Im Februar erhielt ich ein Attest von meinem Hausarzt, stellte damit einen formlosen Antrag auf Geschlechts- und Namensänderung beim Standesamt und erhielt zeitnah einen offiziellen Termin für die mündliche Antragsstellung.

Es war am 18. Februar 2021, als ich vom Standesbeamten meines Ortes meine neue Geburtsurkunde mit neuem Namen und neuem Geschlecht ausgehändigt bekam. Ich schrieb damit Einbecker Stadtgeschichte, als erste Person mit einem diversen Geschlechtseintrag im Geburtenregister der Stadt. Ich bin sehr dankbar für alle Erfahrungen und Erlebnisse, für alle Menschen, die zu diesem Moment ihrem Beitrag geleistet haben. Ich danke allen Menschen für ihre, mir bei diesem Coming Out entgegengebrachte, Wertschätzung, Verbundenheit und Mitfreude.

Jay, vielen Dank für YourStory!