(K)ein Outing mal anders

 

 

Sara Marie Jonek, PROUT AT WORK

 

Ich weiß wie es sich anfühlt anders zu sein, wie es ist einer Minderheit anzugehören und auf Grund von unbeeinflussbaren Merkmalen wie dem Geschlecht oder der Herkunft ausgegrenzt zu werden. Der zweite Weltkrieg liegt in der Vergangenheit, jedoch ist das Bild „der Deutschen“ von damals und die damit verbundenen Taten im dritten Reich in den Köpfen vieler Menschen immer noch allgegenwärtig. Mit diesen vorurteilsbehaftenden Bildern wurde ich während meines Aufwachsens in Dänemark, auf Grund der deutschen Herkunft meines Vaters öfters konfrontiert. Ich fühlte mich nicht immer der Mehrheitsgesellschaft zugehörig und war auch oft nicht Sara Marie, sondern Sara Marie, die Deutsche.

Doch erst vor kurzem machte ich die Erfahrung, wie es ist mit seiner sexuellen Orientierung in der Unterzahl zu sein und es einfach nicht zu schaffen ein „Ich bin heterosexuell“ über die Lippen zu bringen. „Deine Probleme hätte ich gerne“, würde bestimmt manch anderer sagen, doch sich outen zu können gehört meiner Meinung nach nicht auf die Liste der first world problems, sondern dem sollte ein sehr hoher Wert beigemessen werden.

Aber wie habe ich es geschafft, als heterosexuelle cisgender* Frau in eine Situation zu geraten, wo ich es nicht fertiggebracht habe meine sexuelle Orientierung zu offenbaren?

Es war im Mai dieses Jahres und ich war erst einen Monat bei PROUT AT WORK beschäftigt, als ich auf eine Abendveranstaltung rund um das Thema LGBT*IQ ging. Auf der Veranstaltung hatten sich jede Menge Unternehmensvertreter_innen zu vielfältigen Vorträgen über sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität am Arbeitsplatz versammelt. Wie das bei solchen Veranstaltungen ist, boten sich ebenfalls Networking Möglichkeiten an – eine Chance die ich gerne ergriff, denn ich war ja ganz neu in meiner Position.

Das erste Gespräch führte ich mit einem jungen Mann, er sprach ganz natürlich von seinem Mann und ich von meinem Freund, somit hatten wir uns beide geoutet. Im späteren Verlauf des Abends gesellte ich mich zu einer größeren Gesprächsrunde dazu, einer Gesprächsrunde bei der es um die sexuelle Orientierung am Arbeitsplatz ging und jede_r von seinen Erlebnissen und geleichgeschlechtlichen Partner_in erzählte. Nur ich nicht. Ich sagte plötzlich kein Wort mehr und fühlte mich wie ein Wolf im Schafspelz. Für mich war der outing-Zug abgefahren, ich konnte doch jetzt nicht mehr offenbaren, dass ich heterosexuell bin. Was würden sie nur von mir denken? Bestimmt würden sie mich nicht für qualifiziert für meine Stelle bei PROUT AT WORK halten, denn was weiß denn schon eine heterosexuelle Frau über die Belange der LGBT*IQ-Community? Deshalb schwieg ich. Eine Geschichte zu erfinden um mitreden zu können oder MEINEN Freund als EINEN Freund auszugeben, kam für mich auch nicht in Frage, denn wenn meine sexuelle Orientierung zu einem späteren Zeitpunkt rauskommen würde, würde ich noch schlechter dastehen. Deshalb schwieg ich. Das Schweigen, nicht mitreden können und die Angst sich zu verplappern verlangten mir sämtliche Energie ab, sodass ich nach kurzer Zeit die Veranstaltung verlies.

Für viele homosexuelle Menschen ist das geschilderte Szenario und die damit verbundenen Gefühle leider bestimmt nicht fremd. Was ich daraus gelernt habe? Ich finde es sollte nicht „The Cost of Thinking Twice“ heißen, denn ich habe bestimmt nicht nur zwei Mal darüber nachgedacht ob und was ich sage, sondern in meinem Inneren ganze Dialoge geführt, die mir jegliche Energie abverlangten. Mir ist durchaus bewusst, dass diese Situation für mich nur eine Momentaufnahme war, denn mir stand es frei jederzeit die Veranstaltung zu verlassen und zurück in die Welt zu kehren, wo ich der heterosexuellen Mehrheit angehöre. Diese Möglichkeit besteht für homosexuelle Menschen jedoch nicht, denn auch sie leben in einer Welt, wo Heterosexualität vorherrschend ist. Zwar war ich bereits vor diesem Erlebnis davon überzeugt, dass sich PROUT AT WORK für wichtige Belange einsetzt, doch es hat mich darin bestärkt, wie wichtig es ist, manchmal die Perspektive wechseln zu können. Meiner Meinung nach, solle jede_r Heterosexuelle_r diese Erfahrung machen, denn erst da, verstand ich wirklich, was ein solches Versteckspiel mit einem Menschen macht.

*Der Begriff bezeichnet Menschen deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

 

Informationen zur Autorin 

Sara Marie Jonek, Referentin bei PROUT AT WORK, hat sich ihr theoretisches Wissen zum Thema Diveristy Mangement im Masterstudiengang „Interkulturelle Kommunikation“ an der LMU angeeignet. Bevor sie im April 2017 zu PROUT AT WORK kam, hatte sie bereits ihre ersten praktischen Erfahrungen bei der Deutschen Post DHL Group in der Abteilung Corporate Diversity gemacht.