Die Ehe für alle und ihre Umsetzung in Unternehmen

Zum 01.Oktober 2017 trat in Deutschland das „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ – kurz die Einführung der Ehe für alle – in Kraft.

Liebe Unternehmer_innen und Interessierte, im Folgenden wollen wir Ihnen einen kurzen Guide darüber zur Verfügung stellen, welche Veränderungen mit der Gleichstellung der Ehe im unternehmerischen Alltag zu erwarten sein können und wie man diesen begegnen kann.

Der Guide  steht Ihnen hier ebenfalls als Download zur Verfügung.

 

Was bringt die Umstellung allgemein mit sich?

Die naheliegende Veränderung durch die Einführung des Gesetztes ist die Tatsache, dass Paare nun unabhängig ihrer sexuellen Orientierung und Identität heiraten dürfen und heterosexuellen Paaren sowohl steuerrechtlich als auch im Recht auf Adoption gleichgestellt sind. Die Anerkennung der Lebenspartnerschaft als Ehe erfolgt dabei rückwirkend zum Datum der lebenspartnerschaftlichen Eintragung. Die Umschreibung einer Lebenspartnerschaft in die Ehe ist jedoch nicht verpflichtend und kann – wenn der Wunsch besteht – als solche weitergeführt werden. Jedoch sind ab dem 01.Oktober 2017 keine Neuschließungen der Lebenspartnerschaft mehr möglich!  Diese wird damit in Zukunft durch die Ehe abgelöst.

Für detaillierte Informationen zu allgemeinen Veränderungen durch die Einführung der Ehe für alle empfehlen wir Ihnen die Lektüre folgender Links vom LSVD, sowie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

 

Die Umstellung im Arbeitskontext

Im Weiteren wollen wir uns auf die Arbeitswelt konzentrieren. Um die Inklusivität der neuen Rechtslage auch im eigenen Unternehmen widerzuspiegeln, sollten interne Prozesse und die verwendete Sprache – sowohl Bild- als auch Schriftsprache – mit einem wachen Auge durchleuchtet werden.

 

Prozesse

Steuer- und Sozialversicherungsrecht

Die Umschreibung des Familienstandes von der eingetragenen Lebenspartnerschaft zur Ehe führt aufgrund der bereits bestehenden steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Gleichstellung der Rechtssysteme im Personalsystem zu keiner weiteren Änderung. In Ihrem Personalsystem wird nur ein neuer Haken für den Familienstand gesetzt.

Änderung des Familienstands

Viele Unternehmen sehen persönliche Anteilnahme als Möglichkeit, das affektive Kommittent ihrer Mitarbeiter_innen zu stärken und so dem Interesse am persönlichen Wohlergehen Ausdruck zu verleihen.

Die Gratulation zur Eheschließung und/ oder zum Familienzuwachs bieten dabei dankbare Möglichkeiten, gekonnt eine Brücke zwischen professioneller Distanz und dem persönlichen Interesse zu schlagen. Die Einführung der Ehe für alle sowie das Recht auf Adoption über die bisherige Stiefkind- und Sukzessivadoption hinaus, erlauben es den guten Ton auch auf LGBT*IQ Mitarbeiter_innen auszuweiten.

Doch war die Familienstandsänderung von „ledig“ zu „Eingetragener Lebenspartnerschaft“ eine Eingrenzung dafür, um welche geschlechtliche Konstellation es sich bei dem Paar handeln könnte, so fällt dieser Hinweis mit Einführung der Ehe für alle weg.

Um die nun auftretenden Risiken der Fehlkommunikation oder des ungewollten Outings zu minimieren, ist der Stand des Outings zu berücksichtigen und ein inklusives Mindset in Bezug auf die Kommunikation angeraten. Ob es sich nun um die Gratulation, die Aufforderung zur eigenständigen Änderung des Familienstandes – je nach System des Unternehmens evtl. erforderlich – die Mitteilung, dass eine Zuwendung erfolgt, oder eine Gratulationskarte handelt, die einem Geschenk beigelegt wird, sollte klar sein, dass es nicht bedeutet, dass ein_e Mitarbeiter_in heterosexuell oder cis* ist, wenn kein Coming out erfolgte. Entsprechend sollte in dem Fall, dass die sexuelle Orientierung und Identität der Adressat_innen nicht klar ist, darauf geachtet werden, dass sowohl hetero- als auch Paare anderer sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität und demnach Geschlechterkonstellation sich voll angesprochen fühlen. So ist auf eine möglichst geschlechtsneutrale Formulierung der Anschreiben zu achten.

Vorschläge bei der Anrede wären:

  • „Wir möchten dem frisch vermähltem Paar alles erdenklich Gute für die kommende Zeit wünschen“
  • „Dem Hochzeitspaar wünschen wir einen glücklichen Start in eine gemeinsame Zukunft“

Wenn die/ der betroffene Mitarbeiter_in im Unternehmen offen mit der eigenen sexuellen Orientierung und Identität umgeht, sollte die Ansprache dieser Haltung angepasst werden. In Abhängigkeit davon, wie der Personenstand ihrer Mitarbeiter_innen in Ihrem Unternehmen erfasst ist, sollte auch dieser vor Ausformulierung von Anreden berücksichtigt werden. Entsprechend der sexuellen Orientierung ist eben auch zu berücksichtigen, dass Menschen eventuell ein „anderes“ Geschlecht eingetragen haben.

Entsprechend empfehlen sich dabei klare Formulierungen, die die Haltung des/der Mitarbeiter_in anerkennen und widerspiegeln:

  • „Wir möchten Ihnen und Ihrer Frau/ Angetrauten alles erdenklich Gute für die kommende Zeit wünschen“
  • „Wir möchten Ihnen und Ihrem Mann/ Angetrauten alles erdenklich Gute für die kommende Zeit wünschen“
  • „Wir möchten Ihnen und dem Menschen an Ihrer Seite alles erdenklich Gute für die kommende Zeit wünschen“
  • „Wir wünschen Ihnen und Ihrer Frau alles erdenklich Gute für die gemeinsame Zukunft und den bevorstehenden Lebensweg“
  • „Wir wünschen Ihnen und Ihrem Mann alles erdenklich Gute für die gemeinsame Zukunft und den bevorstehenden Lebensweg“
  • „Wir wünschen Ihnen und dem Menschen an Ihrer Seite alles erdenklich Gute für die gemeinsame Zukunft und den bevorstehenden Lebensweg“

Glückwünsche vis à vis

Auch im direkten Gespräch unter Kollegen oder bei persönlicher Gratulation der Vorgesetzten an die Mitarbeitenden und andersherum, sollte auf ein inklusives Mindset im oben beschriebenen Sinne (kein Coming out bedeutet nicht zwingend heterosexuell oder cis*) während der Unterhaltung geachtet werden. Besonders das direkte Gespräch kann in Bezug auf Fehlkommunikation und Fremdouting – auch mit der besten Absicht – zu einem Minenfeld werden.

Eine Situation, auf die wir zwingend hinweisen möchten ist das Gerücht über die sexuelle Orientierung und Identität der/ des Mitarbeiter_in. Besonders in der direkten Kommunikation ist dabei die Gefahr groß wegen der fehlenden Distanz, einer falschen Annahme unreflektiert zu erliegen. Und dies mit folgenden möglichen Konsequenzen:

  • Sie liegen mit ihrer Annahme falsch und bringen sich und die angesprochene Person in eine peinliche Situation.
  • Sie liegen richtig aber outen durch die unbedachte Äußerung die angesprochene Person und berauben sie so ihrer Entscheidungsfreiheit.

Beide Situationen können langwierige unangenehme Folgen mit sich bringen und ihre Handhabung erfordert höchste Diplomatie.

Dennoch ist nicht zu unterschätzen: Sprache schafft Realität! Entsprechend sollte darauf geachtet werden, die eigene Ausdrucksweise so zu wählen, dass sie für jede Paarkonstellation ansprechend ist:

  • „Ich möchte Ihnen auch persönlich nochmals zur Hochzeit gratulieren und Ihnen und dem Menschen an Ihrer Seite alles Gute für den gemeinsamen Lebensweg wünschen“

Familienzuwachs/Adoption

Die eben beschriebenen Situationen lassen sich auch auf die Situation des möglichen Familienzuwachses übertragen und ein passender Umgang sich unter der Wahrung eines inklusiven Mindsets subsumieren. So sollte berücksichtigt werden:  eine schwangere Kollegin hat nicht zwingend einen „werdenden Vater“ an ihrer Seite, und ein frisch gebackener Vater nicht unbedingt eine „frisch gebackene Mutter“. Familien sind und entstehen vielfältig. So wären mögliche Formulierungen:

  • „Wir möchten den frischen Eltern herzlich zum Nachwuchs gratulieren“
  • „Herzlichst wünschen wir der jungen Familie Gesundheit und Freude aneinander“

 

Formulare

Auch Ihre Formulare sollten nochmals durchgeschaut werden. Bedenken wir, dass die Lebenspartnerschaft ja neben der Ehe weiter Bestand hat, sollte diese auf Formularen weiterhin vertreten sein. Wenn konkret von der Ehe die Rede ist, sollte die Ansprache wiederum so erfolgen, dass sich auch gleichgeschlechtliche Menschen angesprochen fühlen. Auch ist es wichtig, klar zu artikulieren, dass alle Vorteile, die für Eheleute gelten, nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) auch Personen in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft zustehen. Jetzt ist ein idealer Zeitpunkt nochmals zu prüfen, ob das bei Ihrem Unternehmen auch umgesetzt wird, oder gegebenenfalls nachzujustieren.

 

Bild- und Schriftsprache

Progressive Inklusion sollte immer auf allen Ausdrucksformen unserer Kommunikation erfolgen: so ist es wichtig, dass wir auf unsere Schrift und Sprache achten aber auch darauf was wir optisch darstellen. Nur wenn all diese Aspekte abgedeckt werden, kann sich das Gefühl einstellen, mehr als nur ein Sonderfall zu sein – wirklich Teil zu sein!

Schriftsprache

Generell sollte bei Formulierungen jeder Art auf eine inklusive Sprache geachtet werden. Wir empfehlen dazu den Gender_Gap. Die Verwendung des Gender_Gap verhindert, dass über die reine maskuline Form falsche Informationen über das Geschlecht vermittelt werden und gibt zudem im wahrsten Sinne des Wortes Raum auch sprachlich das Spektrum menschlicher Identitäten abzubilden.

Bildsprache

Neben dem schriftlichen und verbalen Ausdruck – auf den wir im Verlauf schon eingegangen sind, liegt uns auch die Bildsprache sehr am Herzen. So legen wir nahe, darauf zu achten, dass die in Ihrem Unternehmen angestrebte und/ oder gelebte Vielfalt sich auch optisch niederschlägt. Dazu fällt uns folgendes Beispiel ein:

Viele Unternehmen legen Wert auf eine familienfreundliche Firmenpolitik. Die Angebote und Möglichkeiten, die frischen Eltern angepriesen werden, werden dabei oft optisch – falls zum Beispiel Flyer mit den Angeboten für Familien veröffentlicht werden –  untermalt. Uns wäre dabei wichtig, nicht nur heterosexuelle Paare als Familien abzubilden, sondern hierbei optisch auf Vielfalt zu achten. Auch die Formulierungen der Angebote sollten möglichst so vorgenommen werden, dass Familien in allen Formen und Farben angesprochen und mitgedacht werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein kleiner Nachtrag

Personalprozesse und Kommunikation in Unternehmen können ganz individuell gestaltet sein! Falls wir was vergessen haben, geben Sie uns bitte per eMail Rückmeldung und wir ergänzen den Leitfaden gerne.

 

*Der Begriff bezeichnet Menschen deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.